schulzSituationsbericht auf der "Ocean Viking"

Auf Seenotrettungsmission im Mittelmeer von und mit Christine Schmitz

 17. Januar 2021

Heute ist mein Geburtstag. Was ein Geschenk, auf der Ocean Viking sein zu dürfen! Auf dem Weg in Richtung libysche Seenotrettungszone. Im Moment sind wir das einzige Schiff, das im Mittelmeer im Einsatz ist. Aber zurück an den Anfang der Geschichte.

Nach vielen Jahren in der humanitären Hilfe, vor allem mit Ärzte ohne Grenzen, brauchte ich 2007 eine sehr lange Pause. Ich hatte keine Energie mehr und habe mich erst mal auf mein Leben in Berlin konzentriert. In diesen Jahren war es mir wichtig, mir ein Zuhause in dieser tollen Stadt zu schaffen, meine Kenntnisse in der palliativen Versorgung von Tumorpatient*innen auszubauen und als Freiwillige in der Flüchtlingskirche bei der Integration von Geflüchteten zu unterstützen.

Ich fing an, mich mit dem Buddhismus zu beschäftigen, einer Philosophie, die mir persönlich viele Antworten bringt. Mir liegt die Tradition des vietnamesischen Mönch Thich Nhat Hanh am meisten. Angesichts der Endlichkeit des Lebens erscheinen viele Alltagssorgen unwichtig.

In den letzten Jahren wurde mir bewusst, dass ich es noch mal wagen möchte, im globalen Süden zu arbeiten. Das Fernweh war groß, der Wunsch, aktives Mitgefühl zu leben, wuchs. Mein Leben in Berlin fühlte sich für mich zu privilegiert an. Ich fragte mich, ob es möglich wäre, die palliative Arbeit, die ich auch sehr schätze, mit humanitären Missionen zu kombinieren, also zwischen den Auslandseinsätzen immer mal ein paar Monate in Berlin sein.

Seit genau einem Jahr wollte ich auf einem Rettungsschiff in den Einsatz gehen. In der Zwischenzeit, im letzten August, bin ich dann nach Griechenland gereist, um dort mit einer kleinen medizinischen Hilfsorganisation in dem Lager Moria zu arbeiten. Es war eine besondere Zeit, auch weil ich während des großen Brands dort war. Dann hörte ich von der Situation in Bosnien, in Velika Kladusa, und reiste dorthin, um zu helfen. Menschen, die auf der Balkanroute stranden, versuchen immer wieder, die kroatische Grenze zu passieren und begegnen brutaler Gewalt, haben keinen Zugang zum Asylsystem und werden immer wieder zurückgejagt. Trotz vieler Widrigkeiten schaffte ich es, mit MVI (Medical Volunteers International) ein medizinisches Projekt auf die Beine zu stellen.

Wie bitter, dass Europa sich immer mehr abschottet, brutale Methoden anwendet, um Geflüchtete, Asylsuchende und Migrant*innen abzuwehren und sogar bereit ist, dafür Menschenrechte zu ignorieren. 2012 hat die Europäische Union den Friedensnobelpreis bekommen. Welchen Wert hat so ein Preis in solchen Zeiten noch?

Und jetzt ein Einsatz auf der Ocean Viking. Endlich. Nach langen Monaten des unfreiwilligen Stillstands konnten wir den zehnten Einsatz auf diesem Schiff beginnen. Wir haben uns schon bevor wir an Bord gegangen sind an strenge Richtlinien gehalten, um sicher zu sein, dass wir mit einem „coronafreien“ Team lossegeln und der Einsatz nicht gefährdet ist. Die Zeit der Quarantäne haben wir intensiv genutzt: Aus der Isolation in unseren Hotelzimmern heraus haben wir Trainings abgehalten, mit Präsentationen unser Wissen erweitert und aufgefrischt und praktische Übungen gemacht. Das 31-köpfige Team besteht aus der Schiffscrew, dem Such- und Rettungsteam, dem Care Team, das die Versorgung der Geretteten an Bord koordiniert, und uns, dem medizinischen Team.

Wir sind zwar ein kleines medizinisches Team, aber wir sind vier starke Frauen. Hannah, die Hebamme, war glücklicherweise auch beim letzten Einsatz der Ocean Viking im Sommer dabei und kennt sich schon gut auf dem Schiff aus. Ophélie ist eine Krankenschwester aus Belgien mit viel Erfahrung in der Intensivversorgung. Caterina, die italienische Ärztin, die in Berlin wohnt, konnte bereits Erfahrung auf einem anderen Schiff sammeln. Ich vervollständige das Team und auch ich bin Krankenschwester, hier jedoch als „Medical Team Leader“ für die Koordination des medizinischen Teams und der medizinischen Versorgung verantwortlich.

Wenn ich das nächste Mal schreibe, haben wir vielleicht schon Überlebende an Bord. Während ich jetzt tippe, halten wir uns für mögliche Rettungen in der libyschen Rettungszone bereit. Immer wieder versuche ich mir auszumalen, wie sich die Menschen fühlen müssen, auf nicht seetauglichen Booten, zusammengepfercht, sowieso schon traumatisiert von allem, was ihnen im Heimatland, auf der Flucht und inmitten der Instabilität Libyens geschehen ist. Und jetzt wieder auf der Flucht. Das Mittelmeer ein Massengrab von Menschen, die bei dem Versuchen zu fliehen ertrunken sind. Niemand verlässt freiwillig die Heimat.

Wir helfen beim Überleben, ganz einfach, und berichten über das, was wir bezeugen.

Ich bin dankbar, dass ich hier sein darf, dass ich die Möglichkeit habe, in dieser furchtbaren Situation helfen zu können. Ich bin immer zuversichtlich, dass wir diese Welt ein kleines bisschen ändern können, ja sogar müssen. Es macht mich glücklich, für Andere da zu sein.

Christine Schmitz


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